Sonntag, 1. November 2009

¡Una botella de cerveza, por favor!

Eine Flasche Bier, bitte!

Diesen unglaublich wertvollen und in Deutschland auch so wichtigen Satz habe ich niemand Geringerem als dem Bürgermeister von Cali beigebracht. Vor zwei Wochen ist meine Gastmutter ja nach Europa gereist - erste Klasse, bezahlt von Comfandi, dem sozialen Vorzeigeunternehmen des "Valle del Cauca" ("Cauca-Tal", in diesem liegt unter anderem auch Cali) - und neben ihr, ihrem Arbeitskollegen John und dem Chef von Comfandi kam auch der Bürgermeister der Stadt, Jorge Iván Ospina, auf Einladung Comfandis mit.
So schüttelte ich ihm natürlich brav die Hand und nach mehreren ausgetauschten Höflichkeitsfloskeln - "¿Cómo estás?", "¿Cómo te fue?" und so weiter, wie hier bereits unter "Tag 3 - Samstag, 19. September" beschrieben - stellte er mir dann auch seine Ehefrau vor, die mit ihrem Kopftuch und ihren Ohrringen eher an einen weiblichen Hippie erinnerte als an die Ehefrau des Bürgermeisters auf Geschäftsreise. Sie kam übrigens auch mit, allerdings nicht bezahlt von Comfandi, sondern vom Bürgermeister.



Der Beweis: Mein Gastvater Javier, der Bürgermeister und ich.

Der Bürgermeister ist bei den Reicheren beliebter als bei den Ärmeren, wie ich feststellen musste. Die Freunde und Familie meiner Gastfamilie waren sehr interessiert, als ich begeistert von meinem Treffen mit dem Bürgermeister berichtete, während meine Freunde aus der Schule der Geschichte reserviert mit einem "No me gusta el alcalde" ("Ich mag den Bürgermeister nicht") reagierten.
Auf jeden Fall suchte ich dann auf dem Flughafen eine Toilette und traf dort den Arbeitskollegen John meiner Gastmutter Maria Nelly traf. Er meinte, ich müsse dem Bürgermeister und ihm doch unbedingt diesen Satz beibringen und nahm mich mit zu einem Schnellimbiss, wo der Bürgermeister gerade einen Hamburger aß. Nach der Deutschstunde - sagen wir, Deutschminute - unterhielt ich mich noch ein wenig mit dem Bürgermeister und er fragte mich, was ich hier in Cali mache, wie mir Cali gefalle und was anders zu Deutschland sei.
Mich erstaunte es selbst, wie flüssig das Gespräch lief und die Leute sind immer wieder überrascht, dass ich erst zwei Monate hier bin. Das Schulspanisch von vor mehr als drei Jahren hat doch Spuren hinterlassen und ich bin auf einer täglichen Schnitzeljagd nach diesen Erinnerungen, während mir ständig neue Hinweise gegeben werden und sich mir neue Wege durch den Dschungel der spanischen Sprache erschließen.
Wer noch die Chance dazu hat, weil er noch zur Schule geht: Lernt so viele Sprachen wie möglich in der Schule! Nirgendwo sind die Sprachkurse so organisiert wie in der Schule und es kostet euch nichts!
Lehrer, die diesen Blog lesen: Leitet meine Worte weiter! Bewerbt kein Latein! Selbst zehn Wörter Französisch oder Spanisch bringen die Schüler weiter im Leben!



Der versprochene Geburtstag: Ich, meine Cousine Valentina, ihre Schwester Daniela sowie meine Gastbrüder Daniel und Sebastian.

Valentina feierte letztes Wochenende ihren "quinceañero" ("15. Geburtstag"), der etwas ganz besonderes im Leben einer jungen Kolumbianerin ist, denn er kennzeichnet den Übergang vom Mädchen zur Frau. Der Gemeinschaftsraum ihrer Wohnanlage war von meiner Gasttante Claudia, ihrer Mutter, wunderschön im Stile von Las Vegas - oder wie Kolumbianer sich das so vorstellen - hergerichtet worden.



Es kamen etwa zwanzig ihrer Freundinnen und Freunde, doch im Vergleich zu anderen Geburtstagsfeiern wurde auf dieser gar nicht getanzt. Darüber waren auch alle anderen Personen, denen ich von der Feier erzählte, sehr verblüfft.



Den Hut und die Krawatte durfte ich behalten!

Zwischenzeitlich kam noch für 20 Minuten eine im mexikanischen Stil auftretende Musikgruppe vorbei, die meine Gastmutter bestellt hatte und wovon keiner wusste.



Nachdem um 23 Uhr, vier Stunden nach unserer Ankunft, endlich das Essen serviert wurde, hatte meine Gasttante Claudia sogar an mich gedacht und brachte mir eine doppelte Portion, denn von dem Standardessen für die 1,70 Meter großen und 55 Kilo schweren Kolumbianer werde ich nicht satt.
Unsere Haushaltshilfe Mari ist immer wieder erstaunt, wie viel ich esse und grinst, wenn ich neben dem Steak, dem Reis und den Bohnen auch noch ein - nein, besser zwei Eier gebraten haben möchte. Ich verstehe mich total gut mit ihr und sie hat sich mittlerweile mehr oder weniger an meine Essgewohnheiten gewöhnt. Sie hat zwei Kinder, die etwa zwei Autostunden entfernt von hier bei ihrer Mutter wohnen, und ist dieses Wochenende wieder zu ihnen gefahren, da einmal wieder "puente" ("Brücke", langes Wochenende) ist. In zwei Wochen übrigens schon wieder. Ich finde es schlimm, wenn Eltern ihre Kinder verlassen müssen, um Geld verdienen zu können. Auf der anderen Seite bekommt Mari durch meine Gasteltern immerhin die Möglichkeit, ihre Familie so oft wie möglich zu sehen.
Vor ihrer Abreise hat sie uns allerdings eine Menge Essen vorgekocht - zu viel für uns, denn ich fahre morgen früh mit einigen Freunden an den Fluss Rio San Cipriano, der zwei Stunden von hier entfernt ist, und komme erst am Montagabend wieder. Darüber wird dann nächste Woche berichtet, und wir kommen zur...



Die sollte diese Woche an etwas ganz anderes gehen, doch die Umstände zwingen mich förmlich dazu, die Passionsfrucht der Woche an meine Schule zu vergeben. Diesen Wanderpokal mit der Bedeutung, dass wieder mal etwas nicht geklappt hat oder mich auf Grund der Kultur total überrascht, verdient die Schule aus zwei Gründen.
So wurde mir erstens mitgeteilt, ich solle am Montag um 8.30 Uhr zur Schule kommen. So traf ich um 8.40 Uhr ein - bringt ja nichts, auf meine Freundinnen warte ich regelmäßig eine Stunde und mehr, obwohl ich schon besagte 10 bis 15 Minuten zu spät komme. Eine Freundin ist da eine Ausnahme, sie musste schon mehrfach auf mich warten und kommt eigentlich immer 10 bis 15 Minuten zu früh. Außer wenn ich pünktlich komme, dann kommt sie frei nach Murphy's Law - das Butterbrot fällt immer auf die beschmierte Seite, der Anruf kommt genau dann, wenn man im Badewasser sitzt, usw. - natürlich zu spät.
Ich traf also mehr oder weniger pünktlich ein und fand niemanden vor, der mir hätte weiterhelfen können. Nachdem ich zwei Stunden gewartet hatte, traf ich die Deutschlehrerin, die mir mitteilte, die Koordinatorin sei in Bogotá für diese Woche. Ich könne also nächste Woche wiederkommen.
Und zweitens fiel dann auch noch am Freitag die Schule komplett aus zur Unterrichtsplanung für die Lehrer, wie mir berichtet wurde! Ich frage mich immer wieder, was die Lehrer denn in den fünf Wochen Präsenzferien - ja, sie mussten jeden Tag da sein - gemacht haben, außer Kaffee getrunken.



Schule? Für mich eher selten!

So gehe ich hier meinen Hobbys nach, das heißt 3 Stunden Sport, 9 Stunden essen und 12 Stunden schlafen - den Schlaf braucht mein Gehirn hier aber auch dringend, da das ständige Spanisch sprechen mein Gehirn herausfordert wie einen Motor Dauer-Vollgas auf der Autobahn. Und natürlich sehe ich meine Freunde und Freundinnen, hole Pakete aus Deutschland ab - dazu ebenfalls nächstes Mal mehr - und genieße mein Leben hier. Ihr in Deutschland zahlt viel Geld dafür, in solchen Klimazonen Urlaub machen zu können, und ich kriege es fast umsonst. Was will ich mehr? Wozu aufregen?
Dabei muss ich sagen, dass es mir mit meiner Gastfamilie, meinem Ort und meiner Lebensweise hier total gut geht - eine Ausnahme unter den weltwärts-Teilnehmern, die ich kenne. Julian in Girardot, Kolumbien, wurde bereits ausgeraubt und hat sehr strenge Gasteltern; Jan in Asunción, Paraguay, hat die Familie gewechselt - wird aber immer noch von seiner alten Gastfamilie schlecht behandelt - und Eric in Bogotá, Kolumbien, erzählt mir auch alle Tage wieder, wie wenig es ihm hier doch gefiele.
Uns alle einte der Wille, ins Ausland zu gehen, doch einige haben mehr Glück, andere mehr Anpassungsbereitschaft, dritte mehr Spaß am Leben - und ich habe momentan alles drei. Hoffen wir, dass es so bleibt, und dass mir auch das Projekt - Dienstag geht es hoffentlich los - Spaß machen wird.

Euer Lars

Kommentare:

  1. Hallo Lars,

    von Deiner Mutter haben wir Deine Internetadresse erhalten und haben Deine Erlebnisse in Kolumbien mit großem Interesse gelesen. Es ist wirklich toll, einmal eine völlig andere Gesellschaft kennen zu lernen, die viele Dinge nicht so eng sieht wie bei uns.

    Deinem Tip mit dem Erlernen von Fremdsprachen in der Schule greifen wir gern auf. Bei unseren Kindern steht demnächst die Entscheidung bezüglich der 2. Fremdsprache an. Wir werden Spanisch empfehlen wegen der weiten Verbreitung in vielen Ländern.

    Wir wünschen Dir noch viele interessante Kontakte und Erlebnisse in Kolumbien.

    Herzliche Grüße aus Hamburg

    Annette und Lutz Lauenstein

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  2. hallo lieber lars ach was habe ich gelacht. bin bei mama und habe deine zeilen gelesen. nun freue dich nicht allzu sehr, warum ,wirst du erfahren wenn du meinen nächsten brief bekommst. dann kannst du hier noch einmal in die schule gehen. erhole dich gut
    letzten freitag haben wir wieder hundeschnauzball in der sporthalle in hamburg gesehen. es war prima. nächstes jahr kommst doch wieder mit. ich lade dich ein. so bleib gesund und denke daran....tschüss dein lieber ooooppa,

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