Mittwoch, 26. Mai 2010

En el mismo lugar sigue Cartagena ...

Cartagena ist immer noch am gleichen Ort ...

Seit vier Monaten fragt mich Eric, wann ich denn nun endlich den Bericht über unsere Reise im Januar schreiben würde, und seit vier Monaten habe ich ihn vertröstet - bis heute, denn nun ist es soweit. Ironie des Schicksals: Eric reist gerade mit seinen Eltern durch Kolumbien und hat somit für die nächsten drei Wochen wohl keine Zeit, sich den Blogeintrag durchzulesen.


Dieses Lied hörte ich gestern und fand es ganz passend, um den Blogeintrag ein bisschen musikalisch aufzulockern. Das Lied heißt "Un día después" (Ein Tag danach) und kommt von der Salsa-Band "Grupo Niche" aus Cali. In dem Ausschnitt wird dementsprechend Salsa getanzt, zum folgenden Text:

"En el mismo lugar sigue Cartagena, con la misma playa, con la misma arena."
(Cartagena ist immer noch am gleichen Ort, mit dem gleichen Strand, mit dem gleichen Sand.)
Das reimt sich sogar auf Deutsch viel besser als auf Spanisch! Wer Gefallen am Musikstil gefunden hat, kann sich das komplette Video hier anschauen.


2. Januar 2010: Cali - Medellín (Reisebus)
6. Januar 2010: Medellín - Bogotá - Cartagena (Flugzeug)
9. Januar 2010: Cartagena - Santa Marta (Reisebus)
14. Januar 2010: Santa Marta - Bogotá - Cali (Flugzeug)

Hier könnt ihr noch einmal die Reiseroute sehen, die ich bereits im letzten Eintrag veröffentlicht hatte. Mittlerweile sind wir angekommen bei ...

Tag 5 - Mittwoch, 6. Januar 2010

Ich erblickte die Hafenstadt Cartagena zum ersten Mal aus dem Flugzeug. Im Vordergrund sieht man die innerstädtische Bucht, dahinter eine schmale Landzunge und dann kommt der Atlantische Ozean.


Das Kreuzfahrtschiff im Zentrum zeigt schon, dass Cartagena eine touristische Stadt ist, und die folgenden Tage sollten es bestätigen. Noch nie zuvor in Kolumbien habe ich so viele Deutsche gesehen und gehört, wobei meistens das Aussehen mit Sandalen und Tennissocken zur einwandfreien Identifizierung ausreichte.


Die Stadt erinnert von der Luft aus gesehen spontan an eine Küstenstadt am Mittelmeer, zum Beispiel in Tunesien, oder am Golf im Mittleren Osten wie zum Beispiel Dubai. Dass das nicht ganz abwegig ist, beweist der am meisten bekannte Exportartikel Kolumbiens - nein, weder das eine noch das andere K, sondern Shakira! Die kommt nämlich ganz aus der Nähe aus Barranquilla und hat einen libanesischen Vater. Laut Wikipedia stammt die Hälfte der Bewohner der Küstenregion um Cartagena, Barranquilla und Santa Marta von Arabern ab, doch dies habe zumindest ich den Leuten nicht angesehen.
Um 14 Uhr am Flughafen angekommen telefonierte ich mit Eric, der aus Santa Marta anreiste. Er war laut eigener Aussage in einem Bus, den man am besten unter dem Begriff "transporte de vacas" (Kuhtransporter) beschreiben kann. Besonders als Weißer muss man hier höllisch aufpassen, dass man nicht in eine solche Klitsche gerät, geschätzt mit Euro 0 Norm und zugelassen im Jahre 1970, wie man ihn immer wieder auf Kolumbiens Straßen und Busbahnhöfen vorfindet.
Es dauerte also noch eine Weile, bis Eric ankommen würde, und so machte ich mich auf die Suche nach einem Hotel. Da um den Jahreswechsel in Kolumbien Hochsaison ist, waren die Hotels aus dem Lonely Planet-Reiseführer schon vergeben. Zum Glück gab es am Flughafen eine Touristeninformation, die uns ein Zimmer mit Klimaanlage für 90.000 Pesos, damals umgerechnet 30 Euro, besorgte.


Ich lernte schon einmal die Stadt kennen, bevor Eric eintrudelte. Sofort wurde mir bewusst, wie touristisch Cartagena war.

"¿Gringo, quieres coca? ¿Gringo, tienes dólares?"
(Ami, willst du Kokain? Ami, hast du Dollars?)
Da hilft einfach nur ignorieren und weitergehen, wobei eine Karte oder ein Reiseführer sich natürlich bemerkbar macht. Also versuche ich in fremden Städten immer, den Weg zum Hotel auswendig zu lernen, um nicht anhalten oder nachfragen zu müssen. Die Hauptsache ist es, sich selbstbewusst zu zeigen, und so zu tun, als wüsste man, was man will oder wo es hingeht. Der Reiseführer war dann aber doch noch zu etwas gut - er sagte mir, bloß nicht auf das Angebot einzugehen, die Geldbörse zu zeigen. Cool, da wäre ich selber nie drauf gekommen.
Bald kam dann auch Eric an und wir liefen vom Marktplatz aus ohne Karte zum Hotel, das wir nach einigen Umwegen dann auch erreichten. Wir aßen noch eine Pizza im Viertel, hoben ein wenig Geld ab und machten es uns dann bei Erics portabler Wasserpfeife, Rum, Cola und Zitronen auf dem Dach des Hotels gemütlich, wo wir bis spät in die Nacht den Sternenhimmel über der Karibik betrachteten und uns über Gott und die Welt unterhielten.

Tag 6 - Donnerstag, 7. Januar 2010

Früh morgens klingelte der Wecker und wir packten unsere Sachen, denn es sollte heute zu den "Islas del Rosario" (Rosenkranz-Inseln) gehen. Wie schon mehrmals gesagt, die katholische Religion spielt hier in Kolumbien eine nach europäischen Maßstäben unglaublich große Rolle im Alltag.


Vorbei an zwielichtigen Verkäufern - "¿Coca?" - und angeblichen Währungswechslern -  "¿Dólares?" - liefen wir zum Hafen, um dort um acht Uhr ein Schiff zu besteigen. Wir kauften also an einem der vielen Stände die Bootsfahrt, und damit mal wieder die Katze im Sack. Unser Boot war eine kleine Schaluppe, nicht im allerbesten Zustand und von über zwanzig das Einzige ohne Sonnendach - genau das Richtige für zwei doofe Weiße! Aus acht Uhr wurde dann auch halb zehn, bevor wir ablegten und an der anfangs genannten Landzunge dem Meer entgegen fuhren. Zuvor kam noch ein Mitarbeiter der Küstenwache auf unser Boot und erklärte uns, man müsse das Meer und die Korallen schützen. Gute Idee - zur Umsetzung kommen wir dann später.


Auf diesem schmalen Streifen liegt Cartagenas reichster Stadtteil "Bocagrande" (großer Mund). Und wo wir schon mal beim Mittleren Osten waren - diese Wolkenkratzer am Meer machen aus Cartagena das "Dubai der Karibik"!


Natürlich haben die hier ansässigen Einwohner auch einen standesgemäßen Untersatz, wenn es aufs Wasser geht.


Ein Blick auf die Altstadt Cartagenas, die meiner Meinung nach deutlich schöner ist als so ein Wolkenkratzer. 


Aber wie immer gibt es in Kolumbien noch das nicht zu verachtende Argument "Sicherheit" - und die ist in einem Hochhaus mit Türsteher und Schwimmbad sicherlich höher als in einem Kolonialbau, der direkt an einer öffentlich zugänglichen Straße liegt! Da könnte ja jeder vorbeikommen! Und was hier ironisch anklingt, ist leider traurige Wahrheit. Wenn ich hier dauerhaft leben würde, dann würde ich auch der Sicherheit halber das Hochhaus vorziehen.


Doch bald entschwanden sowohl die Hochhäuser als auch die Altstadt unserem Blickfeld und wurden ersetzt durch Palmen, Strände und Fischerhütten.


Vorbei am Fort ging es hinaus aufs offene Meer, wo Fischer mit Harpunen auf die Jagd nach dem Abendessen gingen. Nach einer knappen Stunde Fahrzeit erreichten wir die Inselgruppe, auf der sowohl der Präsident Kolumbiens als auch der letzte Woche erwähnte Pablo Éscobar eine Insel besitzen bzw. im zweiten Falle besessen haben.
Wir legten vor einem großen Meerwasseraquarium auf der Hauptinsel an und wurden vor die Wahl gestellt, dieses zu besichtigen oder für ein paar Pesos extra schnorcheln zu gehen. Wir überlegten nicht lange und entschlossen uns als einzige auf unserem Boot fürs Schnorcheln. Wenn ich die gleichen Fische im offenen Meer sehen kann, dann gehe ich doch nicht in ein Aquarium!
Es ging also in einem anderen Boot ein paar Minuten weg vom Steg zu einem Korallenriff, wo geankert wurde. Dann wurde uns gesagt, wir sollten die Schwimmweste anlegen. Eric und ich schauten uns ein bisschen verdattert an... wie sollte man denn bitte mit einer Schwimmweste schnorcheln? Ich fragte also nach, ob das obligatorisch sei, und bekam als Antwort, es sei empfohlen. Ob wir denn schwimmen könnten?
Das kann man sich als Deutscher nicht vorstellen - dieses Land besitzt unzählige Flüsse sowie zwei Ozeanküsten, doch kaum ein Kolumbianer kann schwimmen! Was in Deutschland zu Recht in der Schule verpflichtend unterrichtet wird, kann man hier in Kolumbien privat machen - oder man lässt es, wie anscheinend alle anderen in dem Boot!
Wir schnorchelten also fröhlich mit einem der Männer vom Boot durch die Gegend, und  betrachteten die bunten Meeresbewohner, während die anderen 30 Touristen in ihren Schwimmwesten im Wasser herumstrampelten. Vielleicht wäre da das Aquarium doch die bessere Alternative gewesen! Dadurch waren Eric und ich auch die einzigen, die sahen, was sich unter Wasser abspielte. Wir hatten nämlich mitten im Korallenriff geankert und der schwere Anker zog eine Spur der Verwüstung durch dieses. Umweltbewusstsein? Naturschutz? Der Gedanke daran, dass genau dieses Korallenriff vielen Leuten durch den Tourismus Arbeit gibt? Alles vergessen und verraten!
Wir retteten noch eine Haarspange vom Riff, die eine der Frauen mit Schwimmweste verloren hatte, und zogen uns dabei leichte Verbrennungen durch die Koralle zu. Die war anscheinend ein bisschen sauer wegen des Ankers und ließ das dann an uns aus - na toll!
Zurück in unserem Boot hatte sich die See doch merklich aufgeraut. Das interessierte unseren Kapitän recht wenig und er brauste mit Vollgas über die Wellen, wie schon auf dem Weg von Turbo nach Capurganá. Wir wunderten uns nicht mehr über den etwas beschädigten Zustand des Bootes und waren froh, nach einer halben Stunde an der "Playa Blanca" (Weißer Strand) heil und gesund anzukommen. Das Boot gehörte wahrscheinlich nicht dem Kapitän, sodass ihn der Zustand nicht interessierte - oder er wusste einfach nicht, dass alle zwei Sekunden auf den Rumpf krachende Wellen eher suboptimal für die längerfristige Verwendung des Bootes sind.


An diesem tatsächlich richtig weißen Strand wollten wir also für die Nacht bleiben.  Und damit soll es auch erst einmal reichen für heute, schließlich wurde ich von Jan in Paraguay mehrfach auf die Überlänge meiner Texte hingewiesen. Wie eine halbe Flasche Rum uns weiterhilft, wie wir plötzlich in einer fahrbaren Sauna sitzen und wie wir mit Schlagstock und Holzlatte bewaffnet unser Gepäck in der Wallachei bewachen - all das gibt es nächste Woche!

Lars

Kommentare:

  1. Lars ist immer für eine Überraschung gut.
    Da guckt man mal so interessehalber auf seinen blog und findet... einen neuen Eintrag.
    Wie immer hochinteressant und aus einem Blickwinkel geschrieben, den wir als Touristen in 2 oder drei Wochen Urlaub gar nicht erkennen (können)."Die Stadt erinnert mich an... Dubai" wie jetzt, hat Lars zu lange in der Sonne gelegen? Aber auf dem Video vom Wasser aus stimmt es auffallend.
    Gut gelungen, musikalisch untermalt, vielen Dank.

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  2. Hola Lars, da hast du einen sehr informativen Blog. Gefällt mir. Ich hoffe auch einmal dazu zu kommen, mir dieses wunderbare Land näher anzuschauen.
    Viele Grüße aus der Zona Cafetera
    Wolfgang

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