Sonntag, 25. April 2010

Navidad, Año Nuevo, y entre medias. Parte Uno

Weihnachten, Neujahr und zwischendurch. Teil Eins

Besser spät als nie! Das war mein Gedanke, als mir aufgefallen ist, dass ich ja noch gar nichts über Weihnachten und Neujahr geschrieben habe. Und, noch viel wichtiger, über das Zwischendrin.
Nach meiner Rückkehr aus der Karibik blieben nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Zum Glück hatte ich schon alle Geschenke besorgt und konnte mich so ganz entspannt in Weihnachtsstimmung bringen. Doch bei 30 Grad und Sonne fiel es mir schwer, das Fest freudig zu erwarten. Es ist ein ganz klarer kultureller Unterschied, dass Weihnachten für uns Deutsche gleichzeitig auch Schnee, Eis und kalt bedeutet.


Zur Weihnachtszeit wird in Cali seit vielen Jahrzehnten der Fluss „Río Cali“ (Cali-Fluss) geschmückt und abends beleuchtet.


Dieses so genannte „alumbrado“ (wörtlich: das Beleuchtete) besteht daher aus vielen Figuren, die mit Lichterketten bestückt über den Fluss gespannt werden. Viele der 2,5 Millionen „caleños“ (Einwohner von Cali) besuchen das „alumbrado“ mit Freunden und Familie - so auch ich.


Das Motto von Cali ist „un nuevo latir“, was in etwa „ein neuer Puls“ bedeutet.


Und das ist nicht nur bloßes Marketing-Blabla wie ein Koalitionsvertrag in Deutschland, der noch nicht einmal das Papier wert ist, auf dem er gedruckt ist. Nein, man kann in Cali den Fortschritt tatsächlich sehen. Das beste Beispiel ist das MIO-Bussystem, das noch in den Kinderschuhen steckte und zehn Linien hatte, als ich ankam. Mittlerweile sind es über dreißig und es kommen monatlich neue Linien dazu.
Die Veränderung, die Bewegung, der Fortschritt - alles ist spürbar! Das ist ein Gefühl, das ich so aus Deutschland nicht kenne. Wenn ich wiederkomme, wird der Bus im Garstedter Weg immer noch alle zwanzig Minuten fahren, die U-Bahn alle fünf Minuten, der REWE in Niendorf Nord hat bis 22 Uhr auf, und Brötchen hole ich bei Kolls.
Wenn ein „caleño“ nach einem Jahr Abwesenheit wiederkäme, so fände er plötzlich vor seiner Haustür eine neue Bushaltestelle vor, die Straße wäre frisch geteert ohne Schlaglöcher und nebenan stünde plötzlich ein Supermarkt. Dagegen ist Deutschland einfach nur langweilig. Und genau deshalb verbringen Kolumbianer ihren Urlaub zu Hause oder entspannen einfach mal nur, während meine Eltern in ihrem Jahresurlaub Kolumbien erkunden werden.
Wir Deutsche suchen das Abenteuer, das uns der entwickelte Staat nicht geben kann. Alles ist immer gleich - das gibt Planungssicherheit, aber ermüdet. Im Gegensatz dazu hat der durchschnittliche Kolumbianer genug Abwechslung und Abenteuer täglich - von mir auch als „Passion“ bezeichnet. Wenn ich heute nicht weiß, ob der Bus morgen pünktlich fährt, ich übermorgen arbeiten muss oder in der Schule gerade die Mücken ausgeräuchert werden - ein aktuelles, reales Beispiel - oder nächste Woche meine Straße nicht plötzlich eine Einbahnstraße geworden ist, dann will ich in meinen jämmerlichen zwei Wochen Jahresurlaub keine Aufregung, keine Überraschung, kein Abenteuer. Ich will Ruhe und Eintönigkeit.


Doch wie gesagt, nur im Urlaub. Zu Weihnachten sieht das Ganze doch etwas anders aus. Heiligabend? Stille Nacht? Weit gefehlt - im katholisch geprägten Kolumbien wird die Geburt von Jesus gefeiert, im wahrsten Sinne des Wortes. Und feiern können sie, die Kolumbianer. Das bedeutet im Klartext: die Einkaufszentren sind bis 22 Uhr geöffnet, die Bars bis zwei Uhr morgens, und die Bescherung unter dem Plastiktannenbaum dauert nur kurz. Schließlich will man danach ja noch zur „rumba“ (Party, Feier) gehen!


Der besagte Plastiktannenbaum, mit Cousine Valentina und Gastvater Javier, ...


... und eine etwa 10 Quadratmeter große Adventsstadt im Haus meiner Gasttante, mit meiner Gastmutter María Nelly und mir. Zum Glück feierten wir Weihnachten bei meiner Gasttante. So blieb der ganze Kitsch bei uns aus dem Haus.


Um 24 Uhr sieht man in Deutschland wahrscheinlich keine Menschenseele auf der Straße. In Kolumbien dagegen sind die Bars voll mit Menschen, vergleichbar mit einem normalen Freitagabend. Dazu verglichen Deutschland:


Schließlich begann am Tag darauf auch die "Feria de Cali". Vergleichbar mit dem Karneval von Río de Janeiro geht in Cali jedes Jahr vom 25. bis zum 30. Dezember die Post ab - und davon möchte ich euch einen kleinen Einblick zeigen. Neben dem Motto "un nuevo latir" gab es noch zahlreiche andere Sprüche wie "Cali, donde vivir es hermoso" ("Cali, wo das Leben wunderschön ist"), "Cali, donde nadie es extraño" ("Cali, wo niemand fremd ist") oder "Dale, dale, Cali, no pares!" ("Schnell, schnell, Cali, bleib nicht stehen!") Vielleicht findet ihr in den folgenden Bildern und Videos einige Beispiele.


Besonders dieses "dale, dale" ("schnell, schnell") findet man überall in Kolumbien, was verglichen mit der doch eher ruhigen Lebensart der Kolumbianer wie eine Karikatur wirkt. Auch in der Schule fehlt auf keinem Plakat ein "dale" oder auf Englisch ein "hurry up", selbst wenn die betreffende Veranstaltung erst in zwei Monaten stattfindet. Das erinnert mich derweilen an die Futuristen, über die wir im Philosophieunterricht gesprochen haben. Aber wie gesagt, das ist eher eine Karikatur des Lebensstils und daher braucht man sich, so glaube ich, vorerst keine Sorgen um eine Radikalisierung des Fortschritts wie im Futurismus machen.


Das „Salsódromo“ war die erste Parade der Feria, benannt nach dem Tanz Salsa.


Gemeinsam mit meinen Gasteltern nahm ich auf der VIP-Tribüne Platz, wo sich neben uns noch weitere wichtige Persönlichkeiten der örtlichen Politik und Wirtschaft niederließen. Doch das hieß nicht, dass das Ganze eine langweilige Angelegenheit werden sollte, im Gegenteil: es wurde gefeiert, gejubelt und getrunken!


Natürlich durften auch die örtlichen B-Promis nicht fehlen: links die einzige kolumbianische Siegerin beim Schönheitswettbewerb "Miss Universum“ im Jahre neunzehnhundertschießmichtot (Wikipedia hilft weiter: Luz Marina Zuluaga, geboren 1938, Siegerin im Jahre 1958 - ich gebe zu, sie hat sich gut gehalten) und rechts eine kolumbianische Ex-Boxweltmeisterin (da hilft auch Wikipedia nicht mehr weiter).


Hier ein Blick über die Calle 10. Während ich das Straßennetz in Cali erkläre, sind ein paar Bilder vom „Salsódromo“ zu sehen. Die Orientierung ist in Cali nicht ganz einfach, obgleich man durch das Calle/Carrera-System eigentlich keine Probleme haben sollte - „Calle“ bedeutet eine Straße von Norden nach Süden, „Carrera“ eine Straße von Osten nach Westen.


Cali ist jedoch nicht wirklich schachbrettförmig aufgebaut, sodass manchmal Carreras parallel zu Calles verlaufen, so zum Beispiel die Carrera 37 und die Calle 5. Außerdem gibt es noch „Diagonales“ und „Transversales“, und schließlich wird eine Carrera auf der nordwestlichen Seite des "Río Cali" zu einer „Avenida“.


Das heißt jedoch nicht, dass es auf der anderen Seite keine Avenidas gäbe - so heißt zum Beispiel die Calle 6 „Avenida Roosevelt“ und ist auch nur als solche bekannt. Die Calle 13 heißt „Avenida Pasoancho“ und die eben gezeigte Calle 10 geht in die Carrera 26 über und heißt „Autopista Suroriental“ („Südöstliche Autobahn“). Die Calle 70 zweigt von der Calle 25 ab und heißt dann „Autopista Simón Bolívar“, während die Calle 73 „Avenida Ciudad de Cali“ genannt wird.


Ach, drei Straßen nur zwischen der Calle 70 und 73, denke ich mir und steige ich den Bus, der über diesen kleinen Umweg zu meinem Ziel fahren soll. Was der Busfahrer nicht sagte, war, dass er an der nächsten Ampel rechts ins Ghetto abbiegen würde, wo selbst meine Gasteltern noch nie waren. Denn Calle 70 und 73 bedeutet nicht, dass die Straßen nur drei Blöcke voneinander entfernt sind - schließlich gibt es dazwischen noch die Straßen 71, 71A, 71A1, 71A2, 71B, ... bis hin zur 72Y. Genug verwirrt?


Nein, denn nun kommt noch der Trick dazu, dass der Einfachheit halber oft Calle, Carrera und Avenida einfach weggelassen werden. So wohne ich beispielsweise an der Calle 5, die als „la quinta“ („die Fünfte“) bekannt ist. „La sexta“, also „die Sechste“, ist jedoch ganz und gar nicht nah, denn hier ist die Avenida 6 gemeint. „La primera“ („Die Erste“) hingegen ist ganz klar die Carrera 1, und mit „la 70“ ist wieder die Calle 70, also die „Simón Bolívar“ gemeint. Und „La 14“ ist ein Supermarkt. Wer jetzt noch mag, der schaut sich einfach mal das Straßennetz von Cali an.


Selbst die Kinder tanzen schon ...


... zur allgegenwärtigen Salsa, wie man hier auch hören kann.



Und so sieht es aus, wenn man dazu tanzen kann ...



... oder so!



Beeindruckend, oder?


Das Ganze war eine riesige Party und leider nach fünf Stunden schon vorbei.


Am nächsten Tag der Feria fand dann die „Cabalgata“ („caballo“ bedeutet Pferd) statt, wo die Pferdebesitzer aus Cali und Umgebung ...


... durch die Stadt reiten und sich bejubeln lassen darf - eine Pferdeparade quasi.


Neben der Polizei ...


... und dem Militär ...


... waren auch viele Einwohner Calis unterwegs.


Leider war das Ganze eher langatmig und zäh, sodass wir - hier meine Cousine Valentina und der Freund ihrer Schwester, Juan Camilo, sowie im Hintergrund meine Gastfamilie - nicht lange auf der Tribüne blieben.

Nächste Woche gibt es mehr von der Feria und einen Bericht zu Silvester, das wie Weihnachten durchaus anders als in Deutschland ist.

Bis dahin, euer Lars

Kommentare:

  1. hey larsi :)
    schön von dir zu lesen&danke für deine kommentare :)
    wann genau bist du wieder in hh?
    :-*
    Gwen

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  2. lars, den artikel hab ich mir diesmal in aller ruhe angesehen und muss sagen, dass du deine schreibkuenste merklich gesteigert hast. ich red nicht vom ausdruck, der schon vorher gut war, sondern vom einbinden deiner erlebnisse in globale oder zumindest erweiterte kontexte! bin begeistert.
    allerdings ist dieser artikel viel zu lang. darueber taeuschen auch die bilder nicht hinweg. aber ich glaube, das interessiert dich eh nicht. mich bei meinen texten auch nicht!
    mach weiter so!
    saludos, Jan

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  3. Vielen dank por ihre information ,von Oldenburg

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